Gefunden und verloren

An einem sonnigen Mittag im Frühsommer steht auf dem breiten Gehweg im Schatten der Platanenallee eine Gruppe eng beisammen. Es sind drei Sanitäter, in ihrer Mitte steht eine sehr alte, gebeugte Frau. Hinter ihnen erhebt sich der klassizistisch verzierte Eingang eines der großen, alten Mehrparteienhäuser in der Straße. Erbaut 1923 steht über dem Eingang. An der Ecke ist ein Friseursalon. Gefunden und verloren weiterlesen

Neue Eltern

An einem sonnigen Nachmittag Mitte Mai sitzen drei Frauen auf einer Bank am Rand des NDR Spielplatzes. Ihre kleinen Kinder spielen in der Nähe im Sand oder gehen, begleitet von ihrem Vater, auf der Wiese spazieren. Die Luft ist erfüllt vom Duft der Kastanienblüten. Die Frauen unterhalten sich über die Kindergartenplätze, die sie nun endlich zugesagt bekamen. Neue Eltern weiterlesen

Wir sind ja so was von kaputt

Vor einem Pflegeheim im Zooviertel stehen zwei alte Herren in der nachmittäglichen Frühlingssonne. Auf ihre Rollatoren gestützt starren sie missmutig auf die Straße. Nur weil der Arzt ihnen mehr frische Luft verordnet hat, stehen sie da. Gleich neben ihnen macht eine Pflegehilfskraft an dem großen silbern glänzenden Aschenbecher ihre Pause. Sie raucht. Es kümmert sie nicht weiter, dass die beiden Alten neben ihr stehen, sie hat ihr Telefon. Wir sind ja so was von kaputt weiterlesen

Die Geschäfte laufen gut

In einer kleinen Anwohnerstraße in der Nähe des Maschsees steht ein Mann neben einem grauen Minibus und wartet. Es ist ein sonniger, überraschend kalter Vormittag Ende April. In hochwertige dunkle Freizeitkleidung gehüllt steht der Mann in der menschenleeren Straße auf dem Bürgersteig in der Sonne. In den alten Bäumen über den dicht an dicht geparkten Autos singen die Vögel. Aus dem nahen Fußweg kommt eine Frau, sie ist unauffällig konservativ grau gekleidet. Auf den ersten Blick wirkt sie dank ihrer grauen Kleidung und ihrer altmodischen Frisur älter als sie ist. Sie quert zügig die Straße und plötzlich kommt Bewegung in den Mann. Er strafft seinen Körper und macht einen Schritt auf sie zu. Sobald sich ihre Blicke kreuzen, strahlt er sie einnehmend an. Kurz danach sitzen sie sich im hinteren Teil des Lieferwagens an einem kleinen Tisch gegenüber. Die Geschäfte laufen gut weiterlesen

Verlorene Flügel

Es ist Frühsommer, die Zeit der Hochzeiten und Familienfeste. Vor einem Landgasthof stehen viele Autos. Es sind allesamt große, dicke, dunkle Wagen. Als sie mittags ankamen, glänzten sie noch spiegelblank poliert um die Wette, mittlerweile sind sie alle mattgelb vor lauter Blütenstaub. Neben dem geschmückten Eingang zum Saal hat sich an weiß verhüllten Stehtischen die Festgesellschaft versammelt. Schlanke Männer in Anzügen stehen neben attraktiven Damen in eleganten Kleidern. Sportlich gebräunte Servicekräfte in gestärkten schwarzweißen Uniformen reichen ihnen zum Aperitif frisch zubereitete, fruchtig leichte Cocktails. Verlorene Flügel weiterlesen

Schwanenkampf am Maschsee

Am Sonntagnachmittag geht man am Maschsee spazieren. Im Sonntagsstaat geht es einmal um den See. Der Vater vergewissert sich beim Sohn, dass es beruflich und mit dem Haus vorangeht, die Mutter prüft die Tochter, ob sie mit dem ersehnten Enkelkind auch alles richtig macht. Verliebte Paare gehen aneinander untergehakt am Ufer entlang. Eine Frau schenkt den Bäumen an der Promenade ihre Umarmung.

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Der Größte

Da steht er, auf der breiten Rutsche: ein großer Junge, wohlfrisiert, mit goldenen Knöpfen an seiner dunkelblauen Steppjacke. In seiner Hand hält er einen langen Stecken, wie eine Lanze ragt er in den Himmel. Eine Gruppe kleinerer Jungen umringt ihn. Sie haben vom Toben erhitzte Gesichter, ihre verwaschenen Jacken sind halb offen, bei dem ein oder anderen hängt das Unterhemd aus der Hose. Bewundernd blicken sie zu dem großen Jungen mit der Lanze auf. Der Größte weiterlesen

Auf Ideallinie durch die Alte Döhrener Straße

Ein älterer Herr, ein Rentner oder Pensionär, schlank, braun gebrannt und immer noch voller Ehrgeiz und Biss, fährt auf seinem neuen E-Bike vom Discounter nach Hause. Mit der linken Hand hält er den bunt gemusterten Einkaufsbeutel am Lenker fest. Er war nur noch mal schnell vor dem Mittagessen einkaufen. Mit dem neuen E-Bike macht er so etwas nun öfter, da ist er ja auch viel schneller wieder zu Hause als mit dem Auto. Er hat ja jetzt Zeit für so etwas. Auf Ideallinie durch die Alte Döhrener Straße weiterlesen

Wäre es nicht schön?

Endlich ist die neue Autobahnspur auf der A7 zwischen Seesen und Northeim fertig. Noch ist sie nicht freigegeben und der Verkehr Richtung Süden muss sich immer noch langsam auf dem schmalen Aushilfsstreifen voranschieben. Sehnsüchtig blickt man aus dem Stau auf der Behelfsspur zur neuen Straße hinüber. Wie schön es doch sein muss, endlich auf ihr fahren zu dürfen. Wäre es nicht schön? weiterlesen

Aufeinander Warten

Am Spätnachmittag drängeln sich vor der Musikschule in der Maschstraße die Autos. Es sind vor allem SUVs und Kombis die auf dem kleinen Straßenabschnitt vor dem alten Gebäude um die wenigen Parkplätze ringen. Ein Sportwagen wird schnell auf den Behindertenparkplatz direkt vor dem Eingang geparkt. Eine elegante Dame in hochhackigen Schuhen steigt aus, eilt in das erleuchtete Foyer und ist verschwunden. Vor dem Sportwagen parken mehrere nahezu identische schwarze Kombis. Allesamt Autos von dem Typ, den Firmen gerne verdienten Mitarbeitern als Gehaltszulage auch für den privaten Gebrauch überlassen. In jedem sitzt ein Mann im Anzug, mit hohem Haaransatz. Jeder ist mit seinem Smartphone beschäftigt. Aufeinander Warten weiterlesen

Untere Holzklasse

Mittags kurz nach 13 Uhr am Rasthof Hasselberg an der A7 Richtung Süden. Eine ausgewählt sportlich und leger gekleidete, etwa fünfzigjährige Dame betritt das Restaurant. In ihren schulterlangen, professionell getönten Haaren steckt eine schicke Sonnenbrille und an ihrer Schulter hängt eine große Leder­­um­­­hänge­tasche. Die Dame geht langsam durch das gerade nur spärlich besetzte Restaurant. Mit beiden Hände hält sie eisern die Griffe ihrer Umhängetasche fest. Untere Holzklasse weiterlesen

Eine Frage der Erziehung

Nachmittags, kurz vor 17 Uhr im Rossmann. Obwohl viele Kunden anwesend sind, ist nur eine Kasse geöffnet. Es hat sich bereits eine lange Schlange gebildet, die Kassiererin klingelt nach einer Kollegin zur Unterstützung. In der Schlange steht eine Mutter mit ihren zwei kleinen Kindern im Kindergartenalter. Während die Mutter hektisch auf ihrem Telefon herumtippt, grabbeln sich ihre Kinder genussvoll durch die Quengelware vor der Kasse. Eine Frage der Erziehung weiterlesen

Gerichtstag

Es ist einmal wieder Gerichtstag am Landesarbeitsgericht in der Siemensstraße. Die Sonne scheint aus einem wolkenlosen Himmel und immer wieder geht ein Mann oder eine Frau langsam vom Gerichtsgebäude weg ein paar Schritte durch die angrenzenden ruhigen Straßen. Sie wirken nervös, rauchen und halten den Blick wie in großer Konzentration auf einen imaginären Punkt auf den Boden gerichtet. Nach wenigen Metern drehen sie stets wieder um, als stünden sie vor einer nur für sie sichtbaren, festgezogenen Grenze. Gerichtstag weiterlesen

Richtig Rechthaben

An einem sonnigen Oktobertag am Altenbekener Damm. Es ist gegen halb eins. Im Straßencafe des Bäckers an der Ecke zur Stresemannallee sitzen wie jeden Tag die Arbeiter der Straßenreinigungsbetriebe und machen ihre Pause. Zwei Schulkinder begutachten fachmännisch ihre auf dem breiten Fußweg vor der Bäckerei abgestellten Straßenkehrmaschinen. Während daneben im leeren Küchenstudio der Verkaufsberater entspannt den großen Bildschirm vor sich auf dem weißglänzenden Tresen betrachtet. Auf den Gehwegen des Altenbekener Damms sind nur wenige Passanten unterwegs. Zwei Radlerinnen fahren auf dem mit einer Linie vom Gehweg getrennten Fahrradweg aufeinander zu. Richtig Rechthaben weiterlesen

Auf der Suche

Morgens kurz nach halb neun im Rossmann. Draußen dämmert ein grauer, nasskalter Herbsttag vor sich hin. Mit hochgezogenen Schultern streben ein paar Passanten zur nahegelegenen U-Bahnstation. Während drinnen im weißen Licht der Energiesparlampen Mitarbeiter einer Fremdfirma die Regale auffüllen. In der Drogerie sind nur wenige Kunden. Vor dem Regal mit Zahnpflegeprodukten steht eine Frau. In ihren Händen hält sie mehrere Zahnpastatuben verschiedener Anbieter. Entspannt betrachtet sie die auf den Tuben angegebene Liste mit den Inhaltsstoffen. Schließlich entscheidet sie sich für eine Tube und legt sie in ihren sonst noch leeren Einkaufskorb. Die anderen stellt sie wieder an ihren Platz zurück. Zufrieden nimmt sie ihren Korb auf, macht einen Schritt vom Zahnpastaregal zurück, dreht sich um und stößt fast mit einem jungen Mann, der gerade um die Ecke mit den Spülmitteln biegt, zusammen. Auf der Suche weiterlesen

Zeitplanung

Unter der Woche an einem sonnigen, spätsommerlich warmen Herbsttag. Es ist kurz vor zwölf Uhr mittags. Am Altenbekener Damm gleißt die Sonne durch das allmählich braun werdende Blätterdach der Platanen. Endlich machen die Laubbläser Pause. Der eben noch von ihnen aufgewirbelte Staub legt sich wieder auf die Straße und die geparkten Autos. Es ist sommerlich still. Von der Mendelssohnstraße biegen zwei Männer zu Fuß in den Altenbekener Damm ein. Der dickere Glatzköpfige schiebt ein Fahrrad, an dessen Lenker mehrere große, abgestoßene Plastikeinkaufstaschen hängen. Eine ist bereits randvoll mit Pfandflaschen gefüllt. Neben dem Glatzköpfigen geht ein älterer,  hagerer Mann. Er trägt ein strahlendweißes Sonnenkäppi. Wenige Schritte vor dem Kiosk bleibt der Ältere stehen. Zeitplanung weiterlesen

Erledigt

Mittags in der Postfiliale am Stephansplatz. Die Schlange geht wieder einmal bis zur Tür. Geduldig starrt man auf die Werbebildschirme und bewegt sich mit seinen Abholscheinen, Briefen und Retouren-Päckchen in den Händen allmählich vorwärts. Von den vier Schaltern sind nur zwei besetzt. Es ist Mittagspausenzeit und auch Postangestellte wollen ihre Pause haben. Auf einem der verlassenen Schalter hat ein Mitarbeiter ein selbstgemaltes Schild hinterlassen. „Geschlossen“ steht da in Großbuchstaben mit schwarzem Edding unter einem breit lächelnden Smiley. Erledigt weiterlesen

Ein echtes Cleverle

Unter der Woche im Restaurant des Rasthofes Hasselberg an der A7, Richtung Süden, kurz hinter Kassel. Es ist gegen 13 Uhr. An einem der Tische ist gerade eine Gruppe älterer, schwäbisch sprechender Herrschaften mit dem Essen fertig. Einer der weißhaarigen Herren, allesamt wie die dazugehörenden Damen, braungebrannt, schlank und fit, gibt der vorbeihastenden Bedienung lässig ein Handzeichen. Sie möchten zahlen. Die Bedienung, eine wenigstens sechzig Jahre alte, hagere, blondierte Frau, nickt und kommt wenig später mit der Rechung an den Tisch. Der Herr, der ihr das Zeichen gegeben hatte, zahlt für alle zusammen. Er gibt ein mageres Trinkgeld. Sie bedankt sich höflich und geht an einem anderen Tisch, die Bestellung aufnehmen. Ein echtes Cleverle weiterlesen

Schutzlos

Am Samstagvormittag in einem Bekleidungsgeschäft. Es ist kurz nach Ladenöffnung. Eine Verkäuferin bringt einer Kundin Kleider zum Anprobieren in die Garderobe.
„Wenn Sie dann soweit sind, kommen Sie heraus, ja? Damit wir sehen, wie es passt und ob wir noch etwas ändern können. Am besten fangen Sie mit dem Overall in Aubergine an“, meint sie zu der Kundin.
„Ist gut“, antwortet die Kundin hinter dem Vorhang. Schutzlos weiterlesen