Alles kostenlos

Vor Monaten wurde ein Reihenhaus in Seenähe für viel Geld verkauft. Es wurde vor sechzig Jahren gebaut. Seit dem wurde nichts gemacht, weder an Fenstern, Dach, noch an Türen oder Leitungen und Rohren. Der Käufer ist ein alter Mann, er nennt das alte Reihenhaus das neue Objekt in seiner Sammlung. Er hat schon einige andere Objekte in dieser Stadt. Für ihn läuft es gut. Dieses Haus kaufte er für seine Kinder. Nicht zum drin Wohnen, nein, sie leben ganz woanders. Er hat es für sie gekauft, damit sie auch etwas haben. Es soll ihr erstes Renditeobjekt werden. Alles kostenlos weiterlesen

Klein New York

Kurz vor zwölf Uhr am Mittag steht ein kleiner Mann im Nerzmantel an der Fußgängerampel Hildesheimer Straße Ecke Krausenstraße. Unter dem offenen Nerzmantel blitzt eine khakifarbene Kapuzenjacke hervor. Er ist älter, weiße Flecken sprenkeln sein einst dunkles Haar, tiefe Falten durchziehen sein Gesicht. Immer wieder blickt er auf sein titanfarbenes Smartphone. Obwohl die Ampel nicht umschaltet, tritt er nach vorne an die Bordsteinkante. Der Nerzmantel umhüllt ihn wie eine majestätische Fuggerrobe. Direkt vor den Spitzen seiner glänzenden schwarzen Schuhe fließt der Verkehr vorbei. Klein New York weiterlesen

Auf einmal war es da

Vor dem Haus des Landesarbeitsgerichts in der Siemensstraße wehen wieder Fahnen. Es sind dunkelblaue Fahnen mit weißer Schrift. Internationale Hochschule steht auf ihnen. An dem Geländer vor der Eingangstreppe ist ein Werbebanner befestigt. „Internationale Hochschule Duales Studieren“ kann man dort lesen.
„Was sich heute alles so Hochschule nennt“, meint eine alte Dame spöttisch, die im Hosenanzug auf ihren Rollator gestützt langsam vorüber geht.
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Der kleine Mops

An einem sonnigen, kühlen Nachmittag Mitte September drängt es noch einmal alle hinaus. Noch ist das Laub der Bäume grün und vor den Häusern blühen die Rosen. Eingehüllt in mehreren Lagen aus T-Shirts, Strickjacke, Parka und Loop-Schal schlendert man auf den schmalen, sonnenbeschienenen Streifen der Gehwege entlang, schleckt ein Eis und präsentiert seine Sonnenbrille. In der Nähe einer in der Sonne liegenden Bank bleibt man dann stehen und wartet darauf, dass ein Platz frei wird.

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Es ist Herbst geworden

Hinter den alten Kastanien hat die neue Burg Gestalt angenommen. Längst sind die zentimeterdünnen, roten Schmucksteine auf den Beton geklebt und erinnern daran, wie schön eine echte gemauerte Backsteinwand sein könnte. Die neue Burg hinter den Kastanien will nicht auffallen, auch wenn sie um wenigstens ein Stockwerk höher ist, als die sie umgebende Bebauung. Hinter dem Bauzaun stehen die Toreinfahrten für die Lieferwagen der Handwerker offen. Vorsichtig queren sie auf metallenen Stegen den frisch betonierten Innenhof der Burg.

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Schützenfest

An einem sonnigen Sonntagvormittag Anfang Juli findet wie alle Jahre der Höhepunkt des Schützenfestes, der Ausmarsch der Schützen, statt. Unzählige Spielmannszüge und Motivwagen ziehen vom Neuen Rathaus durch die Innenstadt zum Schützenplatz, vorbei an tausenden Zuschauern. Hinter dem ersten Absperrgitter, direkt vor dem Glasturm der NordLB, stehen zwei Frauen. In buntbedruckten, etwas zu engen T-Shirts, Blumen, Streifen und Leopardenprint modisch frisch gemixt, sehen sie missmutig verschanzt hinter großen Sonnenbrillen den vorbeiziehenden Spielmannszügen und Motivwagen aus der ersten Reihe zu. Schützenfest weiterlesen

Gefunden und verloren

An einem sonnigen Mittag im Frühsommer steht auf dem breiten Gehweg im Schatten der Platanenallee eine Gruppe eng beisammen. Es sind drei Sanitäter, in ihrer Mitte steht eine sehr alte, gebeugte Frau. Hinter ihnen erhebt sich der klassizistisch verzierte Eingang eines der großen, alten Mehrparteienhäuser in der Straße. Erbaut 1923 steht über dem Eingang. An der Ecke ist ein Friseursalon. Gefunden und verloren weiterlesen

Neue Eltern

An einem sonnigen Nachmittag Mitte Mai sitzen drei Frauen auf einer Bank am Rand des NDR Spielplatzes. Ihre kleinen Kinder spielen in der Nähe im Sand oder gehen, begleitet von ihrem Vater, auf der Wiese spazieren. Die Luft ist erfüllt vom Duft der Kastanienblüten. Die Frauen unterhalten sich über die Kindergartenplätze, die sie nun endlich zugesagt bekamen. Neue Eltern weiterlesen

Wir sind ja so was von kaputt

Vor einem Pflegeheim im Zooviertel stehen zwei alte Herren in der nachmittäglichen Frühlingssonne. Auf ihre Rollatoren gestützt starren sie missmutig auf die Straße. Nur weil der Arzt ihnen mehr frische Luft verordnet hat, stehen sie da. Gleich neben ihnen macht eine Pflegehilfskraft an dem großen silbern glänzenden Aschenbecher ihre Pause. Sie raucht. Es kümmert sie nicht weiter, dass die beiden Alten neben ihr stehen, sie hat ihr Telefon. Wir sind ja so was von kaputt weiterlesen

Die Geschäfte laufen gut

In einer kleinen Anwohnerstraße in der Nähe des Maschsees steht ein Mann neben einem grauen Minibus und wartet. Es ist ein sonniger, überraschend kalter Vormittag Ende April. In hochwertige dunkle Freizeitkleidung gehüllt steht der Mann in der menschenleeren Straße auf dem Bürgersteig in der Sonne. In den alten Bäumen über den dicht an dicht geparkten Autos singen die Vögel. Aus dem nahen Fußweg kommt eine Frau, sie ist unauffällig konservativ grau gekleidet. Auf den ersten Blick wirkt sie dank ihrer grauen Kleidung und ihrer altmodischen Frisur älter als sie ist. Sie quert zügig die Straße und plötzlich kommt Bewegung in den Mann. Er strafft seinen Körper und macht einen Schritt auf sie zu. Sobald sich ihre Blicke kreuzen, strahlt er sie einnehmend an. Kurz danach sitzen sie sich im hinteren Teil des Lieferwagens an einem kleinen Tisch gegenüber. Die Geschäfte laufen gut weiterlesen

Verlorene Flügel

Es ist Frühsommer, die Zeit der Hochzeiten und Familienfeste. Vor einem Landgasthof stehen viele Autos. Es sind allesamt große, dicke, dunkle Wagen. Als sie mittags ankamen, glänzten sie noch spiegelblank poliert um die Wette, mittlerweile sind sie alle mattgelb vor lauter Blütenstaub. Neben dem geschmückten Eingang zum Saal hat sich an weiß verhüllten Stehtischen die Festgesellschaft versammelt. Schlanke Männer in Anzügen stehen neben attraktiven Damen in eleganten Kleidern. Sportlich gebräunte Servicekräfte in gestärkten schwarzweißen Uniformen reichen ihnen zum Aperitif frisch zubereitete, fruchtig leichte Cocktails. Verlorene Flügel weiterlesen

Schwanenkampf am Maschsee

Am Sonntagnachmittag geht man am Maschsee spazieren. Im Sonntagsstaat geht es einmal um den See. Der Vater vergewissert sich beim Sohn, dass es beruflich und mit dem Haus vorangeht, die Mutter prüft die Tochter, ob sie mit dem ersehnten Enkelkind auch alles richtig macht. Verliebte Paare gehen aneinander untergehakt am Ufer entlang. Eine Frau schenkt den Bäumen an der Promenade ihre Umarmung.

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Der Größte

Da steht er, auf der breiten Rutsche: ein großer Junge, wohlfrisiert, mit goldenen Knöpfen an seiner dunkelblauen Steppjacke. In seiner Hand hält er einen langen Stecken, wie eine Lanze ragt er in den Himmel. Eine Gruppe kleinerer Jungen umringt ihn. Sie haben vom Toben erhitzte Gesichter, ihre verwaschenen Jacken sind halb offen, bei dem ein oder anderen hängt das Unterhemd aus der Hose. Bewundernd blicken sie zu dem großen Jungen mit der Lanze auf. Der Größte weiterlesen

Auf Ideallinie durch die Alte Döhrener Straße

Ein älterer Herr, ein Rentner oder Pensionär, schlank, braun gebrannt und immer noch voller Ehrgeiz und Biss, fährt auf seinem neuen E-Bike vom Discounter nach Hause. Mit der linken Hand hält er den bunt gemusterten Einkaufsbeutel am Lenker fest. Er war nur noch mal schnell vor dem Mittagessen einkaufen. Mit dem neuen E-Bike macht er so etwas nun öfter, da ist er ja auch viel schneller wieder zu Hause als mit dem Auto. Er hat ja jetzt Zeit für so etwas. Auf Ideallinie durch die Alte Döhrener Straße weiterlesen

Wäre es nicht schön?

Endlich ist die neue Autobahnspur auf der A7 zwischen Seesen und Northeim fertig. Noch ist sie nicht freigegeben und der Verkehr Richtung Süden muss sich immer noch langsam auf dem schmalen Aushilfsstreifen voranschieben. Sehnsüchtig blickt man aus dem Stau auf der Behelfsspur zur neuen Straße hinüber. Wie schön es doch sein muss, endlich auf ihr fahren zu dürfen. Wäre es nicht schön? weiterlesen

Aufeinander Warten

Am Spätnachmittag drängeln sich vor der Musikschule in der Maschstraße die Autos. Es sind vor allem SUVs und Kombis die auf dem kleinen Straßenabschnitt vor dem alten Gebäude um die wenigen Parkplätze ringen. Ein Sportwagen wird schnell auf den Behindertenparkplatz direkt vor dem Eingang geparkt. Eine elegante Dame in hochhackigen Schuhen steigt aus, eilt in das erleuchtete Foyer und ist verschwunden. Vor dem Sportwagen parken mehrere nahezu identische schwarze Kombis. Allesamt Autos von dem Typ, den Firmen gerne verdienten Mitarbeitern als Gehaltszulage auch für den privaten Gebrauch überlassen. In jedem sitzt ein Mann im Anzug, mit hohem Haaransatz. Jeder ist mit seinem Smartphone beschäftigt. Aufeinander Warten weiterlesen

Untere Holzklasse

Mittags kurz nach 13 Uhr am Rasthof Hasselberg an der A7 Richtung Süden. Eine ausgewählt sportlich und leger gekleidete, etwa fünfzigjährige Dame betritt das Restaurant. In ihren schulterlangen, professionell getönten Haaren steckt eine schicke Sonnenbrille und an ihrer Schulter hängt eine große Leder­­um­­­hänge­tasche. Die Dame geht langsam durch das gerade nur spärlich besetzte Restaurant. Mit beiden Hände hält sie eisern die Griffe ihrer Umhängetasche fest. Untere Holzklasse weiterlesen

Eine Frage der Erziehung

Nachmittags, kurz vor 17 Uhr im Rossmann. Obwohl viele Kunden anwesend sind, ist nur eine Kasse geöffnet. Es hat sich bereits eine lange Schlange gebildet, die Kassiererin klingelt nach einer Kollegin zur Unterstützung. In der Schlange steht eine Mutter mit ihren zwei kleinen Kindern im Kindergartenalter. Während die Mutter hektisch auf ihrem Telefon herumtippt, grabbeln sich ihre Kinder genussvoll durch die Quengelware vor der Kasse. Eine Frage der Erziehung weiterlesen

Gerichtstag

Es ist einmal wieder Gerichtstag am Landesarbeitsgericht in der Siemensstraße. Die Sonne scheint aus einem wolkenlosen Himmel und immer wieder geht ein Mann oder eine Frau langsam vom Gerichtsgebäude weg ein paar Schritte durch die angrenzenden ruhigen Straßen. Sie wirken nervös, rauchen und halten den Blick wie in großer Konzentration auf einen imaginären Punkt auf den Boden gerichtet. Nach wenigen Metern drehen sie stets wieder um, als stünden sie vor einer nur für sie sichtbaren, festgezogenen Grenze. Gerichtstag weiterlesen