Der Größte

Da steht er, auf der breiten Rutsche: ein großer Junge, wohlfrisiert, mit goldenen Knöpfen an seiner dunkelblauen Steppjacke. In seiner Hand hält er einen langen Stecken, wie eine Lanze ragt er in den Himmel. Eine Gruppe kleinerer Jungen umringt ihn. Sie haben vom Toben erhitzte Gesichter, ihre verwaschenen Jacken sind halb offen, bei dem ein oder anderen hängt das Unterhemd aus der Hose. Bewundernd blicken sie zu dem großen Jungen mit der Lanze auf.
„Ich war schon in Abu Dhabi“, prahlt der. „Ist aber gar nicht so toll, wie man meinen könnte.“
„Hendrik, wir müssen gehen. Oma erwartet uns“, spricht ihn plötzlich ein hochgewachsener alter Herr im gepflegten braunen Kordanzug an.
„Jetzt nicht, Opa!“, brüllt der Junge und wirft seine Lanze hinunter. Sie landet knapp neben einem Krabbelkind, das sofort von seiner Mutter hochgenommen wird.
Der Herr im Kordanzug entschuldigt sich bei ihr und hebt die Lanze auf. „Hendrik, du musst aufpassen. Hier sind noch andere Kinder“, meint er und stellt die Lanze an die Seite.
„Gib mir meinen Stock!“, brüllt der Junge auf der Rutsche.
Die kleinen Jungen neben ihm warten gespannt was passiert. Nichts. Schon wenden sich die ersten ab.
„Ich habe zu Hause eine Play Station 4, und einen eigenen HD Fernseher. Meine Eltern kaufen mir alles was ich will“, ruft der große Junge. Doch die anderen sind schon gerutscht und beachten ihn nicht mehr. Einen Moment lang steht der Junge alleine oben auf der Rutsche, dann dreht er sich um und geht wieder hinunter.
„Ich will nach Hause“, ruft er seinem Opa zu.
Der alte Herr im gepflegten Kordanzug geht langsam zum Ausgang des Spielplatzes.
„Mann Alter, geht das auch schneller?“, ruft der Junge und sieht sich noch einmal nach einer Reaktion seines Publikums um. Aber niemand beachtet ihn mehr, auch sein Opa sagt nichts. So geht er langsam Seite an Seite neben seinem Opa davon.

Veröffentlicht von

susanne

Das aktuelle Quartier der Quartierschreiberin ist Hannover.