Verlorene Flügel

Es ist Frühsommer, die Zeit der Hochzeiten und Familienfeste. Vor einem Landgasthof stehen viele Autos. Es sind allesamt große, dicke, dunkle Wagen. Als sie mittags ankamen, glänzten sie noch spiegelblank poliert um die Wette, mittlerweile sind sie alle mattgelb vor lauter Blütenstaub. Neben dem geschmückten Eingang zum Saal hat sich an weiß verhüllten Stehtischen die Festgesellschaft versammelt. Schlanke Männer in Anzügen stehen neben attraktiven Damen in eleganten Kleidern. Sportlich gebräunte Servicekräfte in gestärkten schwarzweißen Uniformen reichen ihnen zum Aperitif frisch zubereitete, fruchtig leichte Cocktails.

Ein Mann löst sich aus einer der locker beisammenstehenden Gruppen und geht langsam über die Straße zu seinem Auto. Er lässt den Kopf hängen. Er geht schwer, wie unter Zwang und gebeugt von einer großen Last. Kurz sehen ihm ein paar der anderen Feiernden mitleidig hinterher, dann wenden sie sich wieder den schönen, leichten Gesprächen dieses Tages zu.
Der Mann steigt in sein Auto. Er starrt vor sich hin und raucht. Er wirkt gebrochen. Er weiß sich beobachtet und verfolgt. Er weiß sich kontrolliert, von seiner Familie, seinen Freunden, seinem Arbeitgeber.
Wie ein gerupfter Vogel kauert er in seinem dicken Auto, das auf einmal viel zu groß für ihn zu sein scheint und raucht. Voller Scham und schlechtem Gewissen darüber, dass er es nicht im Griff hat, dass er es braucht. Die  Fenster sind zu, er will niemanden belästigen.
Dann kehrt er wieder zurück zu den anderen. Er trinkt, lacht und redet vielleicht ein bisschen zu laut. Bis er kurz bevor es hinein geht noch einmal verschwindet. Getrieben, bemitleidet und verachtet.
In seinem Autokäfig wirkt er wie ein gefangener und kaputt gegangener Zugvögel, der seine Freiheit vergessen hat. Verschämt, geduckt, gerupft, mit gebrochenen, gestutzten und dann schließlich ganz bis auf den Stumpf an den Schultern herausgerissenen Flügeln.

Veröffentlicht von

susanne

Das aktuelle Quartier der Quartierschreiberin ist Hannover.