Eine Frage der Erziehung

Nachmittags, kurz vor 17 Uhr im Rossmann. Obwohl viele Kunden anwesend sind, ist nur eine Kasse geöffnet. Es hat sich bereits eine lange Schlange gebildet, die Kassiererin klingelt nach einer Kollegin zur Unterstützung. In der Schlange steht eine Mutter mit ihren zwei kleinen Kindern im Kindergartenalter. Während die Mutter hektisch auf ihrem Telefon herumtippt, grabbeln sich ihre Kinder genussvoll durch die Quengelware vor der Kasse.

Sie ziehen ein süßes Teil nach dem anderen hervor, testen es auf seine Druckfestigkeit und halten es schließlich ihrer Mutter erwartungsfroh unter die Nase. Aber die Mutter redet nur ununterbrochen aus der Schlange auf sie in einer schnellen, für die übrigen Wartenden unverständlichen Sprache ein. So legen die Kinder das eine Teil wieder zurück in das Regal und versuchen mit dem nächsten ihr Glück.
Etwas weiter hinten in der Schlange steht eine ältere Dame. Sie stützt sich schwer auf ihren Einkaufswagen, auf dessen Rand griffbereit ihr Gehstock liegt.
„Also ich habe meinen Kindern einmal gesagt, dass sie nicht alles anfassen sollen, das hat gereicht“, sagt die ältere Dame selbstsicher.
Wütend fährt die Mutter der beiden kleinen Kinder herum.
„Das haben Sie vielleicht bei ihren Kindern gemacht. Aber ich erziehe meine Kinder, nicht Sie“, erklärt sie zornig.
Sie dreht sich wieder um und legt ihre Waren aus dem Wagen auf das Band. Die beiden Kinder sehen kurz auf, dann grabbeln sie munter weiter.
„Überhaupt was mischen Sie sich da ein? Ich erziehe meine Kinder wie ich es für richtig halte, das geht Sie gar nichts an“, schimpft die Mutter weiter über die Schulter nach hinten, während sie der Kassiererin ihre Karte entgegenhält und die Geheimzahl eintippt. Noch einmal dreht sie sich um: „Meine Kinder haben nichts gemacht“, erklärt sie wütend. „Die Sachen sind alle einzeln verpackt. Die kann man alle noch verkaufen.“
„Ist ja schon gut“, sagt die Dame leise schmunzelnd.
„Meine Kinder machen nur das was sie sollen“, fährt die Mutter vorne an der Kasse trotzig fort und packt ihre bezahlten Sachen ein. „So werden sie hier erzogen. Dann soll man eben keine Sachen in Höhe der Kinder zum Verkauf auslegen.“
„Wieso hört die da vorne nicht endlich auf? Die will sich wohl vor ihren Kindern profilieren“, poltert am Ende der Schlange ein Mann.
„Du weißt doch gar nicht um was es geht“, beschwichtigt ihn eine dünne Frauenstimme.
„Oh, doch“, entgegnet er. „Ich habe alles mitbekommen, von Anfang an, dafür stehe ich hier schon lange genug. Die will sich nur wichtig machen. Man kennt die ja, die wissen nie, wann sie besser aufhören sollten.“
Da ruft die Mutter ihre Kinder zu sich und geht hinaus. Langsam rückt die Schlange weiter nach vorne.

Veröffentlicht von

susanne

Das aktuelle Quartier der Quartierschreiberin ist Hannover.