Erledigt

Mittags in der Postfiliale am Stephansplatz. Die Schlange geht wieder einmal bis zur Tür. Geduldig starrt man auf die Werbebildschirme und bewegt sich mit seinen Abholscheinen, Briefen und Retouren-Päckchen in den Händen allmählich vorwärts. Von den vier Schaltern sind nur zwei besetzt. Es ist Mittagspausenzeit und auch Postangestellte wollen ihre Pause haben. Auf einem der verlassenen Schalter hat ein Mitarbeiter ein selbstgemaltes Schild hinterlassen. „Geschlossen“ steht da in Großbuchstaben mit schwarzem Edding unter einem breit lächelnden Smiley.
Eine der beiden Postangestellten hinter dem Schalter bedient zwei Kunden parallel. Während der eine langsam am geschlossenen Schalter nebenan den rätselhaften Vordruck für die Paketversendung ausfüllt, sucht sie für den anderen über ihren Computer nach Informationen zu seinem Konto. Es dauert, sie liest, studiert den Bildschirm. Er wartet, still und geduldig, mit seinen DinA-4 Papieren in den Händen. Schließlich sagt sie: „Nein, das geht nicht. Erst wieder am Samstag. Ich kann Ihnen heute nur einhundert Euro geben. Fünfhundert Euro können sie erst am Samstag wieder haben. Es tut mir leid. Ich kann nichts für sie tun. Sie müssen bis Samstag warten.“ Sie ist fertig.
Er wendet sich ab, er zittert leicht, während er die Papiere, Ausdrucke und maschinellen Briefe, fest in seinen Händen hält. Sein Gesicht ist gerötet, genauso wie seine Hände. Seine Augen schwimmen in noch zurückgehaltenen Tränen.
„Das kann nicht wahr sein“, murmelt er und geht so gerade wie er noch irgend kann an der Warteschlange vorbei aus der Postfiliale hinaus. Endlich hatte er eine Wohnung gefunden, die Kaution muss gezahlt werden, und jetzt das. Es hätte endlich gut werden können, es sah so gut aus. Und nun tut sich vor ihm die Erde auf, neben den anderen Wartenden. Er verschwindet zwischen den noch schnell im Supermarkt nebenan einkaufenden Hausfrauen und den Anzugträgern, die in einer der Lokalitäten am Stephansplatz ihr wohlverdientes Mittagessen zu sich nehmen wollen. Jeder Schritt von ihm spaltet die Welt. Niemand bemerkt ihn, er ist nur einer, wieder einer.

Veröffentlicht von

susanne

Das aktuelle Quartier der Quartierschreiberin ist Hannover.