Schützenfest

An einem sonnigen Sonntagvormittag Anfang Juli findet wie alle Jahre der Höhepunkt des Schützenfestes, der Ausmarsch der Schützen, statt. Unzählige Spielmannszüge und Motivwagen ziehen vom Neuen Rathaus durch die Innenstadt zum Schützenplatz, vorbei an tausenden Zuschauern. Hinter dem ersten Absperrgitter, direkt vor dem Glasturm der NordLB, stehen zwei Frauen. In buntbedruckten, etwas zu engen T-Shirts, Blumen, Streifen und Leopardenprint modisch frisch gemixt, sehen sie missmutig verschanzt hinter großen Sonnenbrillen den vorbeiziehenden Spielmannszügen und Motivwagen aus der ersten Reihe zu.
„Ach die Armen! Schau dir mal die Strumpfhosen an! Sind die hässlich! Und das bei der Hitze! Was haben die Pech! Na die hatten wohl kein Geld mehr“, lästern sie über die silbern glänzenden Strumpfhosen einer Gruppe Querflötespielender Mädchen.
Eine alte Dame stellt sich mit ihren drei kleinen Enkelkindern schräg versetzt vor sie hin. Die Kinder sammeln Bonbons von der Straße, füllen ihren Rucksack und den von ihrer Großmutter bereit gehaltenen Stoffbeutel. Sie freuen sich über geschenkte Luftballons, Lollis und Papierfähnchen. Ihre Oma wippt im Rhythmus der Musik und winkt den vorbeiziehenden Schützen zu.
„Haben Sie schon mal was von Absperrungen gehört?“, keift plötzlich laut eine der beiden sonnenbebrillten Frauen. Die alte Dame dreht sich kurz um. Dann tritt sie lächelnd ein wenig zur Seite und wendet sich wieder dem Spielmannszug zu.
„Die ganze Zeit steht die Alte mir schon in  meiner Aussicht“, schimpft es hinter ihr weiter.
Als eine der Wenigsten winkt die alte Dame den Vorüberziehenden zu und singt ein Lied mit. „Ja wir san mit m Radl da, ja wir san mit m Radl da …“, singt sie. Dann zeigt sie ihren Enkeln einen Wagen.
„Früher als ich da mitgegangen bin, war es anders“, erklärt sie ihnen. „Heute müssen die sich ja fragen, für wen die eigentlich laufen.“
Der Wagen einer Lokalbrauerei nähert sich langsam dem Beginn der Absperrungen. Genau vor den beiden missmutigen Frauen bleibt er stehen und wartet auf das Zeichen der Ordner, wann er sich hinter einem Spielmannszug einreihen darf. Am Wagen nehmen junge Frauen von der Zapfstelle große runde Plastiktabletts vollgestellt mit Plastikbechern entgegen und wenden sich lächelnd den Zuschauern hinter der Absperrung zu.
Zum ersten Mal strahlen die beiden Frauen. Sie winken und wedeln mit ihren Händen und rufen selig laut: „Prost! Prost! Prost!“
Eine der jungen Frauen tritt zu ihnen und reicht ihnen freundlich zwei Becher.
Endlich halten die Beiden etwas zu Trinken in den Händen. Sie prosten sich zu, trinken, winken noch einmal dem sich wieder in Bewegung setzenden Wagen der Brauerei und trinken wieder. Sie lächeln besänftigt. Nun sind sie mit der Welt wieder versöhnt. Stumm lächelnd stehen sie hinter der Absperrung und betrachten wohlwollend die weiter vor ihnen vorbeiziehenden Menschen und Wagen. Endlich ist alles wieder gut. Mit einem Freibier in der Hand geht es ihnen gut. Nun können sie auch den anderen ihren Spaß gönnen, halten sie ihren doch endlich in Händen. Dafür standen sie da und warteten, gleich hinter der ersten Absperrung, da wo der eigentliche Umzug erst losgeht. Sie konnten den Wagen nicht verpassen, frei musste die Sicht sein. Fast hätte ihnen diese Alte einen Strich durch ihre Rechnung gemacht, wo ist die überhaupt, egal, sie sehen sich nicht um, nun ist alles gut.
Kurze Zeit später sind die beiden Frauen weg. Ihre leeren Plastikbecher stehen ordentlich nebeneinander vor dem letzten Absperrgitter, bereit für die anrückenden Männer der Straßenreinigung.

Veröffentlicht von

susanne

Das aktuelle Quartier der Quartierschreiberin ist Hannover.