Untere Holzklasse

Mittags kurz nach 13 Uhr am Rasthof Hasselberg an der A7 Richtung Süden. Eine ausgewählt sportlich und leger gekleidete, etwa fünfzigjährige Dame betritt das Restaurant. In ihren schulterlangen, professionell getönten Haaren steckt eine schicke Sonnenbrille und an ihrer Schulter hängt eine große Leder­­um­­­hänge­tasche. Die Dame geht langsam durch das gerade nur spärlich besetzte Restaurant. Mit beiden Hände hält sie eisern die Griffe ihrer Umhängetasche fest.
Die meisten Tische sind frei. An jedem stehen vier graue Holzstühle, die pastellfarbenen Sitzpolster sind ausgeblichen, aber sauber. Auf den Tischdecken zeugen hier und da noch Krümel von der letzten Mahlzeit, Speisekarten lehnen an kleinen bunten Blumenvasen.
Die Dame bleibt unschlüssig an der Seite vor einer großen Tür stehen. Plötzlich schwingen die Türflügel auf und eine Bedienung mit zwei Tellern voller Essen in den Händen eilt an ihr vorbei. Verunsichert geht die Dame wieder ein paar Schritte zurück. Dann nähert sie sich vorsichtig einer Frau an einem der Tische. Sie ist ungefähr in ihrem Alter und isst gerade einen Salat.
„Entschuldigen Sie bitte, dass ich Sie so einfach anspreche“, sagt die Dame mit der schicken Umhängetasche. „Aber könnten Sie mir vielleicht sagen, wo ich bitte das Restaurant finde, das es hier geben soll?“
Die Salatesserin blickt sie erstaunt an. „Hier. Das hier ist das Restaurant. Sie sind schon da. Mitten drin.“
„Das hier? Ach so. Ja, danke“, erwidert die andere, lächelt irritiert und geht wieder Richtung Ausgang. Einen Moment steht sie noch vor den Türen zur Terrasse, noch einmal gleitet ihr Blick durch den Raum. Es ist ihr nicht möglich, diesen Raum mit dem von ihr erwarteten, bekannten Bild eines Restaurants zusammen­zubringen. Sie sieht einen Moment einer Familie beim Essen zu und weiß nun sicher, dass sie an diesem Ort das von ihr gewohnte Essen nicht bekommen wird. Sie möchte keine unerwarteten Überraschungen erleben. Entschieden geht sie zügig davon.
Kurz danach kommt ein Paar mittleren Alters mit einem großem Hund an der Leine herein. Nach neuester Mode in teures Tuch gekleidet durschreiten sie das Lokal. Der Hund zieht und zerrt die dürre Frau hinter sich her. Der stämmige Mann an ihrer Seite hat Hunger, er will sich setzen. Sie geht weiter, den Hund an der kurzen Leine, bis sie schließlich jeden Winkel des Speiseraums, die Spielecke inbegriffen, inspiziert hat. Dann bleibt sie neben ihrem Mann stehen. Ohne ihn anzusehen raunt sie ihm zu:
„Lass uns hier bloß schnell wieder verschwinden. Das geht ja gar nicht hier. Das ist so was von unterer Holzklasse. Also nee.“
Ohne seine Antwort abzuwarten verlässt sie, den Hund entschlossen mit sich ziehend, das Lokal. Der Mann geht ihnen langsam hinterher.

Veröffentlicht von

susanne

Das aktuelle Quartier der Quartierschreiberin ist Hannover.