Ein echtes Cleverle

Unter der Woche im Restaurant des Rasthofes Hasselberg an der A7, Richtung Süden, kurz hinter Kassel. Es ist gegen 13 Uhr. An einem der Tische ist gerade eine Gruppe älterer, schwäbisch sprechender Herrschaften mit dem Essen fertig. Einer der weißhaarigen Herren, allesamt wie die dazugehörenden Damen, braungebrannt, schlank und fit, gibt der vorbeihastenden Bedienung lässig ein Handzeichen. Sie möchten zahlen. Die Bedienung, eine wenigstens sechzig Jahre alte, hagere, blondierte Frau, nickt und kommt wenig später mit der Rechung an den Tisch. Der Herr, der ihr das Zeichen gegeben hatte, zahlt für alle zusammen. Er gibt ein mageres Trinkgeld. Sie bedankt sich höflich und geht an einem anderen Tisch, die Bestellung aufnehmen.
„Die Rechnung kann ich bei der Steuer geltend machen“, freut sich am Tisch der Mann, der eben für alle gezahlt hatte.
„Ah wo. Das kannst du bei der Steuer geltend machen?“, meint sein Gegenüber ungläubig, aber beeindruckt.
„Na sicher, als Geschäftsessen bei den Werbungskosten“, erwidert der andere stolz. „Ich bin doch immer noch selbstständig!“
Dann beugen sich die Männer über die Rechnung und teilen sie unter einander auf. Als das Geld hin und her gewechselt ist, lehnen sich alle wieder selbstzufrieden zurück.
„Unsre Rita ist ab nächsten Jahr doch auch Rentnerin, oder?“, meint dann der clevere Selbstständige.
„Das stimmt. Ab nächsten Jahr bin ich in Rente. Das wird schön.“
„Freu dich nicht zu sehr. Wirst sehen, da darfst du dann auch fünfundachtzig Prozent deiner Rente versteuern.“
„Ich? Das glaub ich nicht.“
„Warts ab! Ich muss jetzt schon fünfundsechzig Prozent meiner Pension versteuern. Und ich bin Pensionär! Das wird jedes Jahr mehr. Den Rentnern nehmen se es und den Hartz IVlern geben se es. Dabei sollte man denen am besten gar kein Geld gebe, die versaufen es eh nur. Die sollte nur Sachleistunge bekomme, wie die Flüchtlinge. Warum sollte es dene Hartz IVlern denn besser gehe?“
Die anderen am Tisch nicken und stimmen ihm zu.
„So, wir müsse dann wieder weiter“, mahnt eine der Damen am Rand und steht auf.
Schnell blicken die schwäbischen Herrschaften noch argwöhnisch unter Tisch und Stühle, nicht dass sie hier etwas liegen lassen.
„Weißt noch, Gerhard? Wie du deine Schlüssel vergessen hast? In Italien!“, der clevere Pensionär lacht wiehernd und klopft dem Mann neben sich auf die Schultern. „Das war eine Geschichte! Gell, Gerhard?“ Der Angesprochene lacht bemüht mit, die anderen stimmen mit ein. Schließlich machen sie sich gut gelaunt auf den Weg zu ihren Autos.

Veröffentlicht von

susanne

Das aktuelle Quartier der Quartierschreiberin ist Hannover.