Zeitplanung

Unter der Woche an einem sonnigen, spätsommerlich warmen Herbsttag. Es ist kurz vor zwölf Uhr mittags. Am Altenbekener Damm gleißt die Sonne durch das allmählich braun werdende Blätterdach der Platanen. Endlich machen die Laubbläser Pause. Der eben noch von ihnen aufgewirbelte Staub legt sich wieder auf die Straße und die geparkten Autos. Es ist sommerlich still. Von der Mendelssohnstraße biegen zwei Männer zu Fuß in den Altenbekener Damm ein. Der dickere Glatzköpfige schiebt ein Fahrrad, an dessen Lenker mehrere große, abgestoßene Plastikeinkaufstaschen hängen. Eine ist bereits randvoll mit Pfandflaschen gefüllt. Neben dem Glatzköpfigen geht ein älterer,  hagerer Mann. Er trägt ein strahlendweißes Sonnenkäppi. Wenige Schritte vor dem Kiosk bleibt der Ältere stehen.

„Komm“, sagt er mit feuchtem Grinsen zu seinem Freund, „holen wir uns erst mal ein Bier.“
„Hmm, ein Bier“, antwortet der, langsam wie in tiefe Gedanken versunken. „Das wäre jetzt schon schön. Es wäre ja unser Erstes. Aber wir dürfen eines nicht vergessen“, er sieht den anderen streng und eindringlich an. „Wir dürfen uns nicht zu viel Zeit lassen. Das ist ganz wichtig. Wir haben ja noch was vor. Nicht, dass es zu spät wird. Sonst kommen wir noch in diesen Verkehr.“ Er macht eine Pause und sieht sein Gegenüber angestrengt an. „Also den, wo immer alle unterwegs sind. Den Berufsverkehr. Ich kenne den. Du weißt ja, ich war viel unterwegs. Und das ist noch nicht so lange her. Es ist nicht besser geworden. Jaha, vor dem Berufsverkehr müssen wir uns in acht nehmen. Da sind dann alle unterwegs. Alle auf einmal. Dann ist es wieder viel zu laut und niemand hat Zeit aufzupassen.“
Der Ältere hat ihm ernst zugehört. Er nickt. „Ist gut. Versprochen“, antwortet er. „Und jetzt holen wir uns erst einmal ein Bier. Ja? Es ist doch noch früh.“
„Ja“, sagt der Dickere und strahlt seinen Freund an.
Er stellt sein Fahrrad vor den Kiosk neben den Stehtisch, prüft noch einmal, ob die Taschen auch sicher hängen, dann erst gehen sie zufrieden hintereinander hinein.

Veröffentlicht von

susanne

Das aktuelle Quartier der Quartierschreiberin ist Hannover.