Richtig Rechthaben

An einem sonnigen Oktobertag am Altenbekener Damm. Es ist gegen halb eins. Im Straßencafe des Bäckers an der Ecke zur Stresemannallee sitzen wie jeden Tag die Arbeiter der Straßenreinigungsbetriebe und machen ihre Pause. Zwei Schulkinder begutachten fachmännisch ihre auf dem breiten Fußweg vor der Bäckerei abgestellten Straßenkehrmaschinen. Während daneben im leeren Küchenstudio der Verkaufsberater entspannt den großen Bildschirm vor sich auf dem weißglänzenden Tresen betrachtet. Auf den Gehwegen des Altenbekener Damms sind nur wenige Passanten unterwegs. Zwei Radlerinnen fahren auf dem mit einer Linie vom Gehweg getrennten Fahrradweg aufeinander zu.
Die Eine, eine etwas ältere schlanke Dame mit federgeschmückter Kappe und metallicblauer Leichtdaunenjacke, fährt in Fahrtrichtung der Straße. Die andere, eine jüngere, mollige, dunkelhaarige Frau kommt ihr entgegen. Sie fährt auf der falschen Seite. Der Fahrradweg ist nicht sehr breit, aber dank des großzügigen, nur spärlich frequentierten Fußweges daneben, gibt es genügend Platz. Wenige Meter bevor die beiden Radlerinnen aneinander vorbeifahren müssen, fängt die ältere Dame wie wild zu klingeln an. Laut schallt ihre glänzende Klingel durch die mittägliche Ruhe, in deren Luft der Duft von Pfannkuchen hängt. Die ältere Dame fährt sehr schnell, auch als sie klingelt, wird sie nicht langsamer. Ernst und konzentriert hält sie ihre Spur und klingelt. Als die ihr entgegenkommende Frau mit einem kleinen Schlenker auf den Fußweg an ihr vorbeifährt, klingelt auch sie, auf ihrer kleineren, hell und leise tönenden Klingel. Schon sind sie aneinander vorbei gefahren. Die laute Klingelglocke der Dame verstummt. Sie wechselten kein Wort, nicht einmal einen Blick.
Ganz in der Nähe steht vor einem Haus eine alte Frau in Hausschuhen mit ihrer Kehrichtschaufel und einem Handfeger in der Hand. Sie hat dem Klingelkonzert gelauscht und der merkwürdigen Begegnung wenige Schritte von ihrem Haus entfernt zugesehen. Nun fährt die mollige, dunkelhaarige Radlerin lächelnd an der sie etwas verwirrt ansehenden alten Frau vorbei. Was war denn das? Kennen Sie sich doch nicht? Warum das Alles, scheint der Blick der alten Frau sie zu fragen.
Mit einem freundlichen, entschuldigenden Lächeln sagt die dunkelhaarige Radfahrerin im Vorbeifahren zu ihr: „Manche haben eben keine Probleme. Also machen sie welche. Wie immer.“
Das Gesicht der alten Frau entspannt sich, sie nickt und wendet sich wieder ihrer Arbeit, dem Ausleeren ihres Mülleimers, zu. Während beide Radlerinnen im goldenen Zwielicht unter den die Straße säumenden alten Platanen verschwinden.

Veröffentlicht von

susanne

Das aktuelle Quartier der Quartierschreiberin ist Hannover.