Gerichtstag

Es ist einmal wieder Gerichtstag am Landesarbeitsgericht in der Siemensstraße. Die Sonne scheint aus einem wolkenlosen Himmel und immer wieder geht ein Mann oder eine Frau langsam vom Gerichtsgebäude weg ein paar Schritte durch die angrenzenden ruhigen Straßen. Sie wirken nervös, rauchen und halten den Blick wie in großer Konzentration auf einen imaginären Punkt auf den Boden gerichtet. Nach wenigen Metern drehen sie stets wieder um, als stünden sie vor einer nur für sie sichtbaren, festgezogenen Grenze.
Sie haben Angst. In einem der Zimmer des Gerichts, diesem großen Backsteingebäude, mit Zinnen wie auf einer Burg am straßenzugewandten Giebel, wird über sie entschieden. In vielen Fällen endgültig. Sie haben einen langen Weg bis zu diesem Zimmer in diesem Gericht hinter sich gebracht. Nun ziehen sie an ihren Zigaretten und versuchen gesammelt zu bleiben. Sie müssen warten. Es dauert nicht mehr lange, hat man ihnen gesagt. Ab und an hebt sich ihr Blick, taucht kurz aus tief versunkener Ferne auf und wird sich verwundert für einen Moment gewahr, dass da neben ihnen ganz normale Wohnhäuser sind. Mehrfamilienhäuser mit Gardinen an den Fenstern und Vorgärten voller goldenem Laub und hier und da noch blühenden Rosen. Mit Menschen die aus dem Haus treten, in den Himmel sehen, dann zum Briefkasten gehen und wieder in ihr Haus hineingehen. Es ist, wie es immer ist, überall, in jeder Stadt und es geht einfach immer weiter. Erschrocken zieht sich der Blick schnell wieder zurück, zieht der Mund an der Zigarette. Sie sind wie Schnecken, denen man das Haus wegnahm. Schreckhaft und schutzlos ziehen sie sich in sich selbst zurück. Mit langsamen Schritten kehren sie schließlich zu dem Gerichtsgebäude zurück. Dort geht es um sie, da entscheiden sie über ihr Leben und doch bleibt die Erde nicht stehen, nicht einen Moment. Still wird es nur in ihnen, das Leben geht weiter, gleichgültig wie das Urteil auch immer ausfällt.
Bevor sie wieder in das Gericht hineingehen, fällt ihr Blick auf ein Plakat am Baustellenzaun schräg gegenüber. „Hier arbeiten Menschen“, steht da neben einem attraktiven jungen Mann mit Bauarbeiterhelm auf dem Kopf.
Ja wer denn sonst, fragt sich der Mensch vor den Eingangsstufen des Gerichts. Und was ist mit Leuten wie mir? Die keine Arbeit mehr haben? Sind wir dann keine Menschen mehr?
Ein Herr im Anzug tritt an ihn heran, sagt leise etwas und führt ihn hinein.

Veröffentlicht von

susanne

Das aktuelle Quartier der Quartierschreiberin ist Hannover.