Am Altenbekener Damm

Trotz Sturmwarnung und stetig zunehmenden Wind machen zwei alte Damen ihren ärztlich verordneten täglichen Spaziergang. Über ihre Rollatoren gebeugt gehen sie langsam unter den winterlich kahlen Kastanien am Altenbekener Damm entlang in Richtung Maschsee. Ein vermummter Jogger rennt an ihnen vorbei.

Kurz bevor sie die Bismarckschule erreichen bleiben sie an der Baustelle stehen. Dort wo bis vor zwei Jahren die Landesarbeitsagentur in einem beeindruckend düsteren Gebäude aus den siebziger Jahren, ein Zeugnis klaren Betonbrutalismusses, sich befand, wächst nun allmählich eine neue Wohnanlage im höheren Preissegment empor. Obwohl es bereits später Vormittag ist, ergießen immer noch die Strahler an den Kränen ihr gleißend helles Licht auf die nur langsam, fast mühsam, hin und her gehenden Arbeiter.
Gestützt auf ihre Rollatoren betrachten die beiden alten Damen die vor der Baustelle aufgestellte Sichtschutzwand. Ihr Blick wandert über eine vielfach vergrößerte Kastanienblüte zu einem Karpfen. Dazwischen geben große runde Gucklöcher den Blick frei auf hochaufgelöste Bildmontagen. Man sieht, wie das fertige Haus einmal aussehen soll, man erhält einen Blick auf die Balkone über dem grünen Innenhof und in eine fertig eingerichtete Wohnung.
„Also mir gefällt das nicht“, meint die eine alte Dame. „Alles so glatt und viel zu leer. Da stehen ja kaum Möbel drin.“
„Dafür war eben bei den Preisen der Wohnungen kein Geld mehr da.“
„Wissen Sie noch, wie es gestunken hat? Als sie das alte Haus abrissen. Widerlich war das.“
„Jaja, als ob sie den letzten Beamten auf dem Clo gefunden hätten. Tot. Noch mit der Zeitung in der Hand.“
„Ich bitte Sie!“
„Na was? Ich war nun wirklich lange genug bei dem Laden dabei. Da darf ich wohl mal einen Witz machen. Es hat aber auch wirklich ekelerregend gestunken. Kommen Sie, lassen Sie uns unsere Runde für heute beenden. Mir ist kalt. Aber lustig ist es schon.“
„Sie haben Recht.“
„Was es wohl heute zu Mittag gibt?“
„Na was gesundes wird es schon sein.“
Beide lachen kurz und trocken. Dann gehen sie langsam weiter.

Veröffentlicht von

susanne

Das aktuelle Quartier der Quartierschreiberin ist Hannover.