Aufeinander Warten

Am Spätnachmittag drängeln sich vor der Musikschule in der Maschstraße die Autos. Es sind vor allem SUVs und Kombis die auf dem kleinen Straßenabschnitt vor dem alten Gebäude um die wenigen Parkplätze ringen. Ein Sportwagen wird schnell auf den Behindertenparkplatz direkt vor dem Eingang geparkt. Eine elegante Dame in hochhackigen Schuhen steigt aus, eilt in das erleuchtete Foyer und ist verschwunden. Vor dem Sportwagen parken mehrere nahezu identische schwarze Kombis. Allesamt Autos von dem Typ, den Firmen gerne verdienten Mitarbeitern als Gehaltszulage auch für den privaten Gebrauch überlassen. In jedem sitzt ein Mann im Anzug, mit hohem Haaransatz. Jeder ist mit seinem Smartphone beschäftigt.
Ein Mädchen mit einem Geigenkasten in der Hand kommt aus der Musikschule. Sie geht auf den ersten dunklen Kombi der gleich neben der Treppe steht zu, sie freut sich, sie sieht aus, als hätte sie ihrem Papa viel zu erzählen. Ganz selbstverständlich macht sie die Tür auf und schrickt zurück. Der Mann der da auf Papas Platz sitzt ist nicht ihr Papa. Der fremde Mann sieht sie kurz an, dann wendet er sich wieder seinem Smartphone zu.
Das Mädchen schlägt schnell die Tür wieder zu. Auch im zweiten dunklen Kombi sitzt nicht ihr Papa. Sie traut sich nicht noch weiter von der Eingangstür wegzugehen. Das Mädchen geht zurück in das Foyer der Musikschule. Sie blickt auf die Uhr. Ihr Papa müsste längst da sein. Alle anderen aus ihrem Kurs sind schon weg. Sie geht wieder raus. Vor der Tür der Musikschule bleibt sie stehen und sieht sich irritiert um. Sie wartet. Wo ist Papa? Sie soll am Ausgang auf Papa warten, hat Mama gesagt. Er wird sie mit dem Auto abholen.
Papa sitzt in seinem warmen Auto, die Klimaanlage läuft. Er ist zufrieden, dass er pünktlich kam und so einen guten Parkplatz fand. Gleich wird sie kommen und sie fahren nach Hause. So lange hat er noch Zeit. Er überprüft auf seinem Smartphone den Maileingang, beantwortet noch eine Anfrage eines Kollegen. Er wundert sich, dass das Kind noch nicht da ist, die Musikschule ist doch schon seit zehn Minuten aus. Er startet ein Spiel, liest Nachrichten, macht sich Notizen zu seinem neuen Projekt.
Vielleicht wird sein Blick zufällig über den Außenspiegel gleiten. Dann sieht er sie am Eingang stehen, wie sie wartet, verunsichert und ernst und sich nicht von der Stelle bewegt. Er wird die Tür aufmachen und ihren Namen rufen. Vielleicht wird er mit ihr schimpfen. Sie wird nichts sagen, ihm nichts vorwerfen, nur einsteigen und Platz nehmen.
Es ist kalt vor der Tür der Musikschule an diesem beginnenden Januarabend. Sie wartet. Sie darf nicht weggehen, sonst sieht er sie vielleicht nicht. Papa holt sie ab. Sie soll vor der Tür auf ihn warten, hat Mama gesagt.

Veröffentlicht von

susanne

Das aktuelle Quartier der Quartierschreiberin ist Hannover.