Wäre es nicht schön?

Endlich ist die neue Autobahnspur auf der A7 zwischen Seesen und Northeim fertig. Noch ist sie nicht freigegeben und der Verkehr Richtung Süden muss sich immer noch langsam auf dem schmalen Aushilfsstreifen voranschieben. Sehnsüchtig blickt man aus dem Stau auf der Behelfsspur zur neuen Straße hinüber. Wie schön es doch sein muss, endlich auf ihr fahren zu dürfen.

Die tiefschwarze, perfekt glatte Asphaltdecke glänzt unberührt im Sonnenschein. Wie eine niegelnagelneue Carrera Bahn führt sie in zwei langgezogenen Bögen an den westlichen Ausläufern des Harzes vorbei. Die neuen Fahrbahnmarkierungen sind perfekt gezogen, wie ein weißes Geschenkband. Gerade werden die letzten Baufahrzeuge abtransportiert. Ein Trupp Bauarbeiter steht stolz an der Seite. Als warteten sie darauf, dass sie gleich als Erste auf dieser neuen Straße, auf ihrer Straße, die sie in den letzten Monaten gebaut haben, fahren dürfen. Die Strecke ist extra für sie gesperrt, nur für sie ist die Straße noch nicht freigegeben, für sie und ihre erste Fahrt. Jeder bekommt einen Sportwagen gestellt, extra hart gefedert und tiefer gelegt, damit sie genau die Straße, den Belag fühlen können. Wer will, sucht sich ein Modell, eine Farbe aus. Ein gelber Lamborghini oder doch lieber ein roter Ferrari? Oder ein alpinweißer Porsche? Voller Vorfreude betrachten die Straßenbauarbeiter die fertige Fahrbahn, ihr Werk. Ein LkW bringt die Sportwagen und hält an der bis jetzt nur den Baufahrzeugen vorbehaltenen Ausfahrt. Ein Sportwagen nach dem anderen wird abgeladen. Was für schöne Maschinen. Schließlich fahren sie los, die Straßenbauarbeiter, einer nach dem anderen. Behutsam, aufmerksam, tastend, sie genießen die Fahrt. Zufrieden satt brummen und summen die Motoren. Gespannt fährt der Erste in die Steilkurve, das erste Auto, das je dort fuhr. Sie haben die Reihenfolge ausgelost. Er gibt Gas. Was für eine Jungfernfahrt. Sie steht den Bauarbeitern zu, diese erste Fahrt auf ihrem Werk. Es ist ein angemessener Tribut, eine angebrachte Ehrerbietung für ihre Leistung. Aus Achtung und Respekt und Wertschätzung für ihre Arbeit. Wäre das nicht schön?

Veröffentlicht von

susanne

Das aktuelle Quartier der Quartierschreiberin ist Hannover.