Auf Ideallinie durch die Alte Döhrener Straße

Ein älterer Herr, ein Rentner oder Pensionär, schlank, braun gebrannt und immer noch voller Ehrgeiz und Biss, fährt auf seinem neuen E-Bike vom Discounter nach Hause. Mit der linken Hand hält er den bunt gemusterten Einkaufsbeutel am Lenker fest. Er war nur noch mal schnell vor dem Mittagessen einkaufen. Mit dem neuen E-Bike macht er so etwas nun öfter, da ist er ja auch viel schneller wieder zu Hause als mit dem Auto. Er hat ja jetzt Zeit für so etwas.

Wie er wieder um die Ecke saust, als gehörte die Straße nur ihm. Das macht Spaß. Er ist stolz, auf sein neues E-Bike, seinen neuen strahlend weißen Helm und auf die schicke bruchsichere Sportbrille, die er sich erst kürzlich beim Skifahren in Österreich gekauft hat. Er macht jetzt was er will. Das Buckeln ist vorbei, er hat lange genug nach oben gebuckelt und nach unten getreten. Die Zeit die jetzt noch kommt ist seine. Gerade eben erst hat ihn einer vor dem Discounter auf sein E-Bike angesprochen. Was so was denn kosten würde und wie schnell er damit wäre. Es ist schon toll, er hat es sich verdient. Er hat es im Griff. Er hat den Überblick, ist er sich sicher.
Da biegt er auch schon in die Alte Döhrener Straße ein. Seine Ideallinie führt ihn eng an den parkenden Autos vorbei. Und dann steht da auf einmal ein altes Auto. In zweiter Reihe parkt es gleich hinter der Kreuzung. Dass so etwas überhaupt noch rumfahren darf, ärgert er sich. Er sieht einen dicken Mann am Kofferraum hantieren, dann geht plötzlich die hintere Tür des Wagens auf, mitten in seine Ideallinie. Im letzten Moment kann er gerade noch ausweichen. Ein Fuß rutscht von der Pedale, fast verreißt er den Lenker. In seiner Hand schlenkert der Beutel mit seinen Einkäufen wild hin und her. Aber da findet er schon in der Mitte der Straße die Balance wieder. Er richtet sich sofort in seiner ganzen Größe auf dem Sattel auf und dreht sich ohne langsamer zu werden zu dem Wagen um.
„Blödmann!“, brüllt er zu dem alten Mann, der sich dort allmählich aus dem Wagen herausarbeitet.
Der alte Mann stützt sich auf seinen Stock und sieht erstaunt dem Fahrradfahrer hinterher. Was wollte der? Über wen regte er sich so auf? Wen meinte er damit?
Schon biegt der E-Bikefahrer in den Nestroyweg ab. Er rast durch den glücklicherweise verwaisten Fußweg, an dessen Ende an diesem Tag ein alter Van steht. Notgedrungen bremst er ab. Er hat keine Wahl, er muss eine größere Kurve fahren als ihm lieb ist. Wütend blickt er auf das Auto, das da auf dem extra ausgewiesenen Behindertenparkplatz steht. Das gehört da nicht hin. Es ist zu groß für den Parkplatz. Er kennt das Auto für das dieser Platz vorgesehen ist, dieses ist es nicht. Es gehört da nicht hin. Eigentlich sollte er den Halter ermahnen. Ja, er wird ihm einen Zettel an die Windschutzscheibe klemmen. Ordnung muss sein.
Er beschleunigt noch ein letztes Mal, bevor er endlich wieder bei sich zu Hause ankommt. Wieder einmal hat er länger gebraucht, wieder hat er keine neue Bestzeit aufgestellt. Diese Penner haben es ihm wieder vermasselt. Er wird noch für Ordnung sorgen. Für ihn gibt es immer etwas zu tun.

Veröffentlicht von

susanne

Das aktuelle Quartier der Quartierschreiberin ist Hannover.