Schwanenkampf am Maschsee

Am Sonntagnachmittag geht man am Maschsee spazieren. Im Sonntagsstaat geht es einmal um den See. Der Vater vergewissert sich beim Sohn, dass es beruflich und mit dem Haus vorangeht, die Mutter prüft die Tochter, ob sie mit dem ersehnten Enkelkind auch alles richtig macht. Verliebte Paare gehen aneinander untergehakt am Ufer entlang. Eine Frau schenkt den Bäumen an der Promenade ihre Umarmung.

Kurz vor dem Strandbad steht am Südufer ein alter Mann. Den Hut tief ins Gesicht gezogen füttert er Gänse, Enten und Schwäne. Er hat Mühe aufrecht zu stehen, aber ein kleines leises Lächeln strahlt auf seinem Gesicht. Vertrauensvoll scharen sich die Tiere um ihn und warten, bis ein jedes von ihnen an der Reihe ist. Auf einer nahen Bank sitzen zwei alte Herren in der Sonne und sehen zu. Eine Familie, Vater, Mutter, Kind, bleibt auf dem Weg stehen. Sie tragen moderne Leichtdaunenjacken in frischen Frühlingsfarben. Vertraut schmiegt sich der halbwüchsige Sohn an seine Mutter.
„Seht mal!“, ruft der Sohn verblüfft aus. „Sie essen ihm aus der Hand!“
„Das ist aber verboten was der Mann dort macht“, erwidert seine Mutter. „Das weißt du schon. Komm wir gehen weiter.“
Kurz danach schwimmen drei Jungschwäne ans Ufer. Sie sind noch etwas kleiner und grauer als ihre ausgewachsenen Verwandten. Noch bevor der erste von ihnen aus dem Wasser gestiegen ist, schlagen sie mit ihren Schnäbeln aufeinander ein. Sie drängeln und schubsen sich gegenseitig mit lautem Fauchem, als dürfte keiner von ihnen zuerst an Land kommen. Die anderen Tiere machen ihnen Platz, während der alte Mann abwartend etwas Brot in der Hand hält. Die übrigen Vögel scheinen zu wissen, dass sie mit dem was nun kommt nichts zu tun haben. Als die drei Jungschwäne vor ihm stehen, lässt der alte Mann das Brot fallen. Es ist genug für alle, aber die drei schnabeln, kneifen, schubsen und rangeln, als könnte nur der Stärkste gerade einmal genug abbekommen.
Auf dem Weg bleibt ein junges Paar stehen.
„Guck dir die an! Sind die geil!“, ruft der junge Mann, lässt die Hand seiner Freundin los und hält sein Smartphone gegen die Vögel. „Was für ne geile Show is n das!“
„Das sind mal echte Männer“, fügt er beeindruckt hinzu.
Die Schwäne fauchen und schlagen wild mit den Flügeln.
Auch die beiden Herren auf der Bank beobachten gespannt das Spektakel. Nach wenigen Augenblicken ist es bereits vorbei. Ein Jungschwan, seine Flügel sind etwas weißer als die der beiden anderen, schwimmt mit dem größten Brotstück im Schnabel davon, während sich seine Widersacher noch an Land mit den Brotkrumen beschäftigen.
Das junge Paar geht Hand in Hand wieder weiter, während auf der Bank ein Geldschein seinen Besitzer wechselt.

Veröffentlicht von

susanne

Das aktuelle Quartier der Quartierschreiberin ist Hannover.