Wir sind ja so was von kaputt

Vor einem Pflegeheim im Zooviertel stehen zwei alte Herren in der nachmittäglichen Frühlingssonne. Auf ihre Rollatoren gestützt starren sie missmutig auf die Straße. Nur weil der Arzt ihnen mehr frische Luft verordnet hat, stehen sie da. Gleich neben ihnen macht eine Pflegehilfskraft an dem großen silbern glänzenden Aschenbecher ihre Pause. Sie raucht. Es kümmert sie nicht weiter, dass die beiden Alten neben ihr stehen, sie hat ihr Telefon.
Die beiden alten Herren ziehen geräuschvoll die mit dem frischen Zigarettenrauch getränkte Luft ein. Wenigstens den Geruch, die Erinnerung an den vergangenen Genuss, wollen sie noch haben, wenn man ihnen selbst das Rauchen schon verbietet. Als sie jung waren, hat keiner was gesagt, da rauchten alle. Schön wars. Sie husten.
Zum wiederholten Mal fährt ein kleiner Mann mit dem großen eckigen Rucksack eines Essenlieferdienstes auf dem Rücken auf seinem Fahrrad an ihnen vorbei. Die alten Herren sehen ihm nach. Er bleibt an der nächsten Kreuzung stehen, biegt ab und kommt dann kurz darauf wieder. Ratlos blickt er auf sein Telefon. Eine Delegation internationaler Anzugträger strömt auf dem breiten Fuß- und Radweg an ihm vorbei. Mit kultiviertem Lächeln streift ihr weltferner Blick über den verirrten Fahrradboten und die alten Herren vor dem Pflegeheim. Zufrieden betrachten sie die Kinderwagen schiebenden Frauen auf der anderen Straßenseite und die Arbeiter auf der Baustelle einer neuen luxuriösen zentrumsnahen Wohnanlage, als wäre alles was sie sehen nur Teil eines Spieles, das zurzeit für sie gut läuft.
„Wir sind ja so was von kaputt“, meint der eine alte Herr zu dem anderen.
Da kommen zwei junge Männer, ihren Anziehsachen nach sind sie Maler, aus dem Pflegeheim. Sie tragen Farbeimer und Pinsel aus dem Haupteingang zu ihrem am Straßenrand abgestellten Firmenwagen. Als der eine den Wagen aufschließt, fängt der andere plötzlich an zu Husten. Der Husten schüttelt ihn. Er kann gar nicht mehr aufhören zu Husten. Sein Kollege grinst ihn an.
„Mal wieder zu viel Lösungsmittel inhaliert, was? Na komm, rauch erst mal eine“, sagt er und klopft dem Hustenden auf den Rücken.
Die alten Herren schauen zu.
„Die gleichen Sprüche wie früher“, sagt befriedigt der eine zum anderen. „Manches ändert sich eben nie.“
„Zigarettenbürschchen“, nuschelt der andere alte Herr zwischen seinen dritten Zähnen hervor.
Ein Pfleger kommt zu ihnen heraus.
„So, genug von der Welt gesehen für heute. Zeit fürs Abendessen, meine Herren. Kommen Sie, wir wollen doch nicht, dass wir uns erkälten“, sagt er und schiebt sie sanft ins Haus.

Veröffentlicht von

susanne

Das aktuelle Quartier der Quartierschreiberin ist Hannover.