Neue Eltern

An einem sonnigen Nachmittag Mitte Mai sitzen drei Frauen auf einer Bank am Rand des NDR Spielplatzes. Ihre kleinen Kinder spielen in der Nähe im Sand oder gehen, begleitet von ihrem Vater, auf der Wiese spazieren. Die Luft ist erfüllt vom Duft der Kastanienblüten. Die Frauen unterhalten sich über die Kindergartenplätze, die sie nun endlich zugesagt bekamen.

„Es war ganz schön schwer einen guten Platz zu finden“, sagt die linkssitzende Mutter.
„Ach, weißt du, ob er gut ist, ist mir egal“, entgegnet die Frau rechts außen mürrisch. „Basteln, spielen, Lieder singen und Ausflüge machen sie doch alle. Hauptsache ich hab endlich einen Platz für meine Kleine. Das war schon schwer genug.“
„Heute will eben jeder und jede einen Platz“, meint die Mutter in der Mitte beschwichtigend. „Das ist doch normal. Es sind eben alles neue Eltern. Von uns bleibt niemand mehr zu Hause. Etwas anderes gibt es doch gar nicht mehr.“
„Ich hab meine bei neunzehn Kindergärten hier in der Südstadt angemeldet,“ erzählt die Mutter rechts neben ihr.
„Neunzehn? Ich wusste gar nicht, dass es in der Südstadt so viele Kindergärten gibt.“
„Ja, also mit Tagesmüttern und allem so sind es schon so viele, in etwa. Ich hab sie jedenfalls bei allen die es hier bei uns im Stadtteil gibt angemeldet. Und überall haben sie mir das Gleiche gesagt: zuerst kommen die, die schon drei sind, dann die Geschwisterkinder, und wenn dann die Alleinerziehenden, ich mein klar, die brauchen auch einen Platz, durch sind, ja dann könnten sie ja noch mal schauen, wenn ich das denn dann noch will. Wenn dann ein Platz frei ist, dann könnte ich ihn haben. Ja Dankeschön auch, konnte ich da nur dazu sagen. Was sollte ich denn mit so einer Auskunft anfangen? Sollte ich das etwa meinem Arbeitgeber sagen? Der hätte das ganz und gar nicht lustig gefunden. Der wollte ja auch mal wissen, wann ich denn endlich wieder komme. Ich war jetzt fast drei Jahre weg, also mit Mutterschutz und allem. Irgendwann hat er nichts mehr für mich. Ich meine, er kann mir ja auch nicht ewig den Job offen halten. Und dann? Wo soll ich denn dann noch hin? Ich meine, ich bin auch nicht mehr zwanzig. Wo soll ich denn noch in meinem Alter und mit einem kleinen Kind was neues finden? Ich meine, wer will mich denn noch haben? Nee, ich bin echt froh, dass das vorbei ist, dass ich endlich einen Platz habe.“
Während sie spricht, streift einmal kurz ihr Kind an ihr vorbei. Das Kind ist schon wieder weiter, als der es begleitende Vater kurz vor den Frauen stehen bleibt. Man begrüßt sich höflich distanziert.
„Und, geht es gut?“, fragt der Vater in die Runde.
„Na klar, ist doch Wochenende“, erwidert die Frau links außen und lacht.
Er nickt noch einmal seiner Frau zu, dann geht er wieder dem gemeinsamen Kind hinterher.
„Schön, dass dein Mann sich so mitkümmert“, meint die Frau in der Mitte. „Was machst du eigentlich beruflich?“
„Ich arbeite im Eventbereich, bei einer Agentur. Wir organisieren Events und so. Das ist ein toller Job, ich mach das echt gerne. Aber es ist auch anstrengend, vor allem mit Kind. Ich kann kaum was planen. Wenn ich dann mal endlich Feierabend habe, ruft mich mein Arbeitgeber oft abends an, ob ich dies oder das noch schnell machen kann. Also ich wieder los. Am Wochenende meist dasselbe. Da ist immer irgendwas. So ist das eben. Ich sage nie Nein. Das kann ich mir auch gar nicht erlauben, wo ich doch gerade erst mal wieder da bin.“
Das Gespräch verstummt. Schweigend sieht jede Frau für sich auf den Spielplatz. Sie sitzen angespannt nebeneinander, als hätten sie oder wenigstens eine von ihnen bereits viel zu viel gesagt.
Da sitzen sie nun und haben nur noch eine Angst: ihren Job zu verlieren und keinen neuen mehr zu finden. Ob sie darüber ihren Partner oder die Kinder verlieren, was mit ihnen selbst passiert, ob sie Burnout erleiden oder depressiv werden, ist im Vergleich dazu egal. Davor haben sie keine Angst, das ist normal. Dafür dürfen sie auf Verständnis, Mitleid und vor allem gesellschaftliche Unterstützung rechnen. Das gilt aber nicht, wenn sie ihren Job verlieren und in angemessener Zeit keinen neuen finden. Sie werden nie Nein sagen. Sie werden jede an sie gestellte Forderung erfüllen und liefern. Das Nein hätte Konsequenzen und vor denen haben sie Angst, berechtigterweise.

Plötzlich steht eine der Frauen auf. Sie ruft ihr Kind, das auch sogleich ankommt und sich einen Smoothie abholt. Die Frau nimmt ihre Tasche und verabschiedet sich schnell von den anderen. Schon geht sie zu ihrem Fahrrad mit Hänger.
„Wir gehen auch gleich“, rufen ihr die beiden anderen hinterher. Sie stehen nun auch. „Wir sehen uns, ja?“
Die andere lächelt zurück. „Es ist schon siebzehn Uhr. Ich muss jetzt echt los“, erwidert sie. „War schön, euch mal wieder zu sehen.“ Sie schnallt ihr Kind an, wendet und steigt auf. „Tschüß!“
„Wieder ein Abschnitt zu Ende“, sagt die eine der beiden Zurückgebliebenen zu der anderen. „Na dann, Tschüß!“ Schon geht auch sie mit Tasche und Kind an der Hand davon, während die Dritte langsam, wie widerwillig, ihrem Mann und ihrem Kind auf die Wiese folgt.

Veröffentlicht von

susanne

Das aktuelle Quartier der Quartierschreiberin ist Hannover.