Gefunden und verloren

An einem sonnigen Mittag im Frühsommer steht auf dem breiten Gehweg im Schatten der Platanenallee eine Gruppe eng beisammen. Es sind drei Sanitäter, in ihrer Mitte steht eine sehr alte, gebeugte Frau. Hinter ihnen erhebt sich der klassizistisch verzierte Eingang eines der großen, alten Mehrparteienhäuser in der Straße. Erbaut 1923 steht über dem Eingang. An der Ecke ist ein Friseursalon.

„Lassen Sie mich. Ich kenne Sie nicht“, herrscht die alte Frau den Sanitäter vor sich an. Sie trägt ein geblümtes Kleid, darüber eine beige Strickjacke.
Er spricht leise beruhigend auf sie ein, streckt ihr seine kräftigen Arme entgegen. Der Sanitäter hinter ihr hält sich mit Gummihandschuhen an den Händen bereit, sie aufzufangen und auf den vorbereiteten Krankentransportstuhl zu setzen.
„Fassen Sie mich nicht an“, ruft die Frau wütend.
Die Sanitäter sind froh, dass sie die Frau gefunden haben. Unversehrt und wohlauf.
„Kommen Sie. Wir bringen Sie nach Hause“, sagt der Sanitäter vor ihr ruhig und eindringlich. Sie wollen ihr helfen. Sie scheuen noch davor zurück, sie einfach mit Gewalt in den Krankenwagen zu verfrachten. Dass sie das könnten, daran lassen ihre kräftigen Staturen keinen Zweifel. Aber vor ihnen steht ein Mensch, der ihr Ansinnen klar verbal zurückweist.
„Nach Hause? Aber ich bin zu Hause. Hier, hier wohne ich“, entgegnet sie und zeigt auf das Haus hinter ihr. „Da, im ersten Stock, da ist meine Küche. Ich habe hier immer gewohnt. Und dort“, sie zeigt auf den Friseur an der Ecke, „dort ist der Krämer wo ich immer einkaufe.“ Sie strahlt die Sanitäter an. „Kommen Sie, der Krämer, Herr Gericke, wird Ihnen bestätigen, dass ich hier wohne. Er kennt mich.“
Sie macht  ein paar Schritte auf das Geschäft an der Ecke zu. Dann bleibt sie stehen, sie wankt. Auf einmal ist sie sehr unsicher auf den Beinen. Die Sanitäter stützen sie.
„Das ist nicht der Krämerladen von Herrn Gericke“, sagt sie leise. „Warum?“
Willenlos lässt sie sich auf den Krankentransportstuhl setzen und in den Krankenwagen schieben. Ihr Zuhause gibt es nicht mehr. Da ist niemand der sie noch kennt, da ist keine Familie, kein vertrauter Freund.
Die Sanitäter schließen erleichtert hinter ihr die Türen.

Veröffentlicht von

susanne

Das aktuelle Quartier der Quartierschreiberin ist Hannover.