Es ist Herbst geworden

Hinter den alten Kastanien hat die neue Burg Gestalt angenommen. Längst sind die zentimeterdünnen, roten Schmucksteine auf den Beton geklebt und erinnern daran, wie schön eine echte gemauerte Backsteinwand sein könnte. Die neue Burg hinter den Kastanien will nicht auffallen, auch wenn sie um wenigstens ein Stockwerk höher ist, als die sie umgebende Bebauung. Hinter dem Bauzaun stehen die Toreinfahrten für die Lieferwagen der Handwerker offen. Vorsichtig queren sie auf metallenen Stegen den frisch betonierten Innenhof der Burg.

Es ist leise geworden auf der Baustelle. Die Maurer und Fassadenbauer aus Polen, Rumänien und Italien sind weg. Nun verlegen Handwerker aus Portugal die Fliesen in den als luxuriös beworbenen Wohnungen, während Bulgaren die Fenster einbauen und Weißrussen die Baustelle sichern. Es läuft alles nach Plan, versichert der deutsche Vorarbeiter dem Kontrolleur der Baufirma, der zufrieden lächelt, sein Tablet und seine Papiere im Wagen verstaut und dann im Schein der spätsommerlichen Herbstsonne unter dem goldenen Dach der Kastanienallee in seinen wohlverdienten Feierabend braust.
Kurz nach 17 Uhr verlassen die Bauarbeiter das Gelände. Meistens zu Zweit schlendern sie zum nahen See, den Rucksack mit den leeren Proviantboxen und Trinkflaschen geschultert. Sie gehen die Allee entlang und unterhalten sich zahnlückig über ihr zu Hause, über die Stadt aus der sie kommen. Sie sind alle über vierzig, fünfzig Jahre alt. Manche sind feingliedrig, als hätte ihr Körper nicht immer schon die schwere Arbeit auf dem Bau verrichtet. Sie reden, lachen und blicken wehmütig aus ihren staubigen Gesichtern in die kaum mehr wärmenden goldenen Sonnenstrahlen.
Ein paar Kinder sammeln zusammen mit ihren Müttern Kastanien ein. Eifrig bücken sich die Kleinen und klauben eine glänzende braune Frucht nach der anderen auf. Schnell füllen sich die mitgebrachten Taschen.
Die Schritte der Bauarbeiter werden langsamer. Der Anblick der fremden Kinder und ihrer Mütter berührt sie und lässt sie mit einem liebevollen, sehnsüchtigen Lächeln weiter gehen. Sie denken an ihre Familien. Auch sie sammeln Kastanien in den Alleen einer Stadt, für ein paar Cent, eine Limo, ein Stück Kuchen. Das ist ihr Lohn vom Forstamt, egal in welcher Stadt, in welchem Land. Ein paar Cent für einen Sack voller Kastanien, und das schöne Gefühl, etwas gutes getan zu haben.

Veröffentlicht von

susanne

Das aktuelle Quartier der Quartierschreiberin ist Hannover.