Auf einmal war es da

Vor dem Haus des Landesarbeitsgerichts in der Siemensstraße wehen wieder Fahnen. Es sind dunkelblaue Fahnen mit weißer Schrift. Internationale Hochschule steht auf ihnen. An dem Geländer vor der Eingangstreppe ist ein Werbebanner befestigt. „Internationale Hochschule Duales Studieren“ kann man dort lesen.
„Was sich heute alles so Hochschule nennt“, meint eine alte Dame spöttisch, die im Hosenanzug auf ihren Rollator gestützt langsam vorüber geht.

Auf einmal war sie da. Tag für Tag ging man an diesem großen, historischen Backsteinbau vorüber. Irgendwann hatten im Haus die Renovierungsarbeiten begonnen. Manch ein Anwohner hoffte auf die Entstehung von neuem Wohnraum, wenn man das Gericht schon nicht mehr brauchte. Immerhin gehörte das Haus doch dem Land oder der Stadt, stellte man sich vor. Endlich eine bezahlbare, größere Wohnung für die Familie, das wäre schön. Doch da war laut der nun das Gebäude verwaltenden privaten Immobilienfirma das Denkmalschutzrecht davor.
Irgendwann klebten Plakate zwischen den frisch gestrichenen weißen Gittersprossen vor den Fenstern des Erdgeschosses und boten Büroräume an. Die Immobilienfirma warb mit dem historischen Charakter des Backsteinhauses, den hohen, lichtdurchfluteten Räumen, dem repräsentativen Treppenhaus samt den funktionstüchtigen historischen Lampen, alles orginal aus der Weimarer Zeit.
Als endlich die letzte Mulde mit Bauschutt abtransportiert worden war, erschienen eines schönen Tages junge, gestresste Männer in modischen schwarzen Anzügen und legten einen roten Teppich vor dem Eingang aus. Sie fluchten, strichen sich durchs volle Haar, dann schleppten sie Buchsbäume aus dem Kofferraum ihres Volvo SUVs heran. Während der eine die Buchsbäume in ihren silbernen Kübeln neben dem Eingang des einstigen Landesarbeitsgerichts in Stellung brachte, rupfte der andere, auf die Faulheit der Arbeiter schimpfend, das verbliebene Unkraut aus den Steinritzen. Neben ihm schlenderte eine große, schlanke, elegant zurecht gemachte junge Frau, in hochhackigen Schuhen abwartend auf und ab und rauchte.
Am nächsten Tag war alles wieder weg, kein Teppich, keine Buchsbäume mehr vor dem Eingang zu sehen. Einige Wochen passierte nichts. Und dann war es auf einmal da. Über Nacht war aus dem einstigen niedersächsischen Landesarbeitsgericht ein College geworden. So weiß man gleich, dass man hier für seine Bildung bezahlen muss, und am Ende einen glänzenden Umhang und einen flachen Hut erhält, neben einem hübschen Papier, das sich gerahmt immer gut macht.
Dort, wo bis vor zwei Jahren wie eh und je ein Teil des niedersächsischen Landesarbeitsgerichts residierte und sich Arbeitnehmer und Arbeitgeber im Rahmen der Gesetze stritten, werden nun bald junge Menschen Marketing Management, Tourismuswirtschaft oder auch Soziale Arbeit studieren. Dual. Die Studiengebühren bezahlt der Praxispartner, das Unternehmen, das seinen Nachwuchs hier ausbilden lässt. So das Versprechen.

Veröffentlicht von

susanne

Das aktuelle Quartier der Quartierschreiberin ist Hannover.