Klein New York

Kurz vor zwölf Uhr am Mittag steht ein kleiner Mann im Nerzmantel an der Fußgängerampel Hildesheimer Straße Ecke Krausenstraße. Unter dem offenen Nerzmantel blitzt eine khakifarbene Kapuzenjacke hervor. Er ist älter, weiße Flecken sprenkeln sein einst dunkles Haar, tiefe Falten durchziehen sein Gesicht. Immer wieder blickt er auf sein titanfarbenes Smartphone. Obwohl die Ampel nicht umschaltet, tritt er nach vorne an die Bordsteinkante. Der Nerzmantel umhüllt ihn wie eine majestätische Fuggerrobe. Direkt vor den Spitzen seiner glänzenden schwarzen Schuhe fließt der Verkehr vorbei.
Um diese Tageszeit ist auf der Hildesheimer Straße stadtein- wie stadtauswärts viel los. Die Autos fahren dicht an dicht mit überhöhter Geschwindigkeit vor dem Mann im Nerz vorbei. Inmitten der stark befahrenen Kreuzung stehen Arbeiter in gelben Sicherheitswesten und mit Schutzhelmen auf den Köpfen auf der Verkehrsinsel vor einem offenen Kabelschrank und begutachten die Lage.
Der Mann im Nerz betrachtet den Verkehr, dann blickt er wieder auf sein Telefon. Schließlich balanciert er auf der Bordsteinkante und geht den mit sechzig, siebzig Stundenkilometern vorbeifahrenden Autos entgegen. Er lehnt sich in den Verkehr. Als ein Taxi vorbeifährt hebt er die Hand, als wäre er in New York, und gibt sein gewohntes Zeichen. Das Taxi rauscht vorbei. Der Fahrgast, eine alte Dame mit Hut, blickt entsetzt mit offenem Mund aus dem Beifahrerfenster den Mann im Nerz an. Das Taxi biegt ab. Wenige Augenblicke später kommt ein anderes Taxi die Krausenstraße herunter und hält an der roten Ampel zur Hildesheimerstraße an. Der Mann im Nerz eilt über die Straße und steigt ein. Er sieht nicht die beiden Frauen, die in orangener Arbeitskleidung neben ihrem Straßenreinigungsfahrzeug auf dem breiten Bürgersteig stehen, direkt neben dem Taxi. Sie machen Pause, trinken Kaffee aus den Bechern ihrer Thermoskannen und essen ihre von zu Hause mitgebrachten Stullen. Sie haben ihn die ganze Zeit beobachtet, sich über ihn amüsiert. „Sieh dir den an. Wo glaubt er ist er hier?“ „Was für ein kleiner King.“ Sie lachen und heben ihre Becher. „Da hat der King aber noch mal Glück gehabt.“

Veröffentlicht von

susanne

Das aktuelle Quartier der Quartierschreiberin ist Hannover.