Draußen ist es nicht schön

Seit Wochen wechselt sich nasskaltes Schmuddelwetter mit Temperaturen wie im Frühling ab. Dann plötzlich Eiseskälte. Die Knospen an den Magnolien sind schon weit, noch ein paar Tage Wärme und sie blühen. Auf den kahlen Baumspitzen sitzen zarte Vögel in der nachmittäglichen Abenddämmerung und singen, bevor sie sich dick aufgeplustert von ihrem Ast in das wärmende Unterholz stürzen. Am See gehen nur wenige Spazieren. Aufgeräumt harren Wege und Wiesen wärmeren Zeiten. Der Strand am alten Volksbad gehört allein den dort überwinternden Enten und Gänsen.

Auf einer Bank sitzt ein Mann. Regungslos, unförmig in mehrere Kleidungsschichten gehüllt. Er scheint wenigstens vier Hosen und fünf Jacken übereinander zu tragen. Ein Jogger rennt an ihm vorbei. Als der Mann wieder alleine ist, steht er auf und geht ein paar langsame, mühevolle Schritte am Rand des Kiesweges entlang. Von hinten nähern sich ihm erneut Schritte, zwei Paare eilen den Weg entlang und reden lautstark miteinander. Der Mann bleibt an der Seite des Weges stehen und dreht sich weg. Die beiden Paare eilen blicklos an ihm vorbei, als wäre er nur ein weiterer alter Baumstamm dem der letzte Sturm ein paar  Äste gekostet hat. Der Mann harrt regungslos am Wegesrand aus. Er wird zum Schatten. Erst als es hinter ihm wieder absolut still ist, dreht er sich um und setzt mit langsamen, steifen Schritten seinen Weg fort. Zwischen alten Weidenstümpfen flattern am Ufer noch die Reste des Polizeiabsperrbandes an der Stelle wo man vor wenigen Wochen eine Leiche fand. Der Mann bleibt erneut stehen. Er betrachtet die im Wind knatternden rotweißen Plastikbänder. Dahinter schaukeln auf den Wellen des nahen Sees drei Enten vorbei. Plötzlich dreht sich der Mann um, quert den Kiesweg und ist im nächsten Moment im dämmerigen Schatten zwischen Büschen und Bäumen verschwunden.

 

Veröffentlicht von

susanne

Das aktuelle Quartier der Quartierschreiberin ist Hannover.