Klage eines Bankangestellten

„Sie möchten für Ihren Kleinen die Zinsen eintragen lassen? Na dann geben Sie mal her“, sagt der bleiche, müde Mann am Kassenschalter der Bank und nimmt das Sparbuch des Kunden an sich. Das Kind macht sich lang um über den Tresen zu sehen. „Schauen wir mal. Fast zwanzig Euro, na das ist doch was. Die Kinder bekommen wenigstens noch ein bisschen was für ihr Geld“, sagt der Bankangestellte. Das Kind drückt sich stumm an die Seite seiner Eltern. „Ich kann nur zusehen, wie mein Geld weniger wert wird“, fährt der Bankangestellte fort.

Er unterzeichnet den Zinsvermerk und reicht dann das Sparbuch den Eltern des Kindes zurück. „Ich wollte mir mal eine Wohnung davon kaufen“, erzählt der Bankangestellte. „Das kann ich jetzt komplett vergessen. Was die jetzt kosten. In der Marienstraße wollten sie kürzlich fünfhunderttausend für drei Zimmer haben. Und das was sie hier neu bauen ist auch jenseits von Gut und Böse. Alles nur Betongold. Als sie die neuen Wohnungen, die sie jetzt da wo früher das Arbeitsamt war gebaut haben, verkauften, da kamen die Käufer mit Koffern voller Geld. Das erzählen jedenfalls die Kollegen die damit was zu tun hatten. Alles nur Investoren. Viele aus dem Ausland. Und ich kann nur dabei zusehen, wie mein Geld weniger wird. Früher bin ich von den Zinsen die ich bekommen habe einmal im Jahr schön mit meiner Freundin essen gegangen, beim Griechen. Und jetzt? Ich hab erst kürzlich gekuckt. Ganze ein Euro und fünfundzwanzig Cent bekomme ich noch. Dafür kann ich mir nicht einmal ein Glas Würstchen kaufen.“
Der Kunde wirft ein, dass man vielleicht dann doch in Aktien investieren müsse.
„Aktien?“, der Bankangestellte lächelt giftig. „Ach was. Lassen Sie das mal lieber. Das ist alles nur Gerede. Das ist alles Quatsch. So. Ich muss dann mal  weitermachen. Da steht wieder einer und wartet schon.“

Veröffentlicht von

susanne

Das aktuelle Quartier der Quartierschreiberin ist Hannover.